"Der Glaube muss in der Kultur eine Rolle spielen, damit die Welt nicht zugrunde geht."

Ludwig Mülheims

2017 Nuran David Calis

06.07.17 12:30
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Autor Nuran David Calis erhält Theaterpreis

Nuran David Calis erhält den Ludwig-Mülheims-Theaterpreis 2017 (c) Erzbistum Köln/Hirschbeck

Köln. Der Ludwig-Mülheims-Theaterpreis geht in diesem Jahr an den Autor Nuran David Calis. Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert und för­dert die Begegnung zwischen Religion und gegenwärtiger Theaterszene. Calis neuestes Stück „Istanbul“ ist derzeit am Schauspiel Köln zu sehen. Bundesweit Beachtung hatte bereits sein Werk „Die Lücke. Ein Stück Keupstraße“ gefunden. Darin thematisiert der Autor den NSU-Bomben­anschlag in der Kölner Keupstraße und lässt auf der Bühne Anwohner zu Wort kommen.

Nuran David Calis wuchs als Sohn eines armenischen Arbeiters und einer jüdischen Putzfrau in einem Brennpunktviertel in Bielefeld auf. In den vergangenen Jahren habe er gemerkt, dass die Aufklärung die „großen Fragen des Lebens“ für ihn nicht beantworten könne, erklärte Calis in einer ersten Reaktion. „Fragen wie ‚Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?‘ werden wieder wichtiger für uns in der Gesellschaft“, sagte er.

Das Thema Religion brachte Calis zum Beispiel in seinem Stück „Glaubens­kämpfer“ auf die Bühne: Weltlich eingestellte professionelle Schauspieler treffen auf gläubige Laiendarsteller – darunter ein Ex-Salafist und eine Benediktinerschwester. Die Gruppe verhandelt über Schönheit und Gefahr von Religion. „Wer hätte gedacht, dass ein multilateraler Abend über den Glauben heute noch derart brisant, lebendig, herausfordernd sein könnte?“, urteilte die Süddeutsche Zeitung.

„Mit seinen Arbeiten fragt Calis nach den gesellschaftlichen Flieh-, aber auch Bindekräften, die von sozial und kulturell aufgeladenen Gemengelagen hervorgebracht werden“, begründet die Ludwig-Mülheims-Theaterpreis-Jury ihre Wahl. Die Auszeichnung wird über den Nachlass des Schauspielers Ludwig Mülheims finanziert, den das Erzbistum Köln verwaltet. Die Preisverleihung findet am 27. November in Köln statt.

Mehr Informationen zum Ludwig-Mülheims-Theaterpreis stehen auf www.ludwig-muelheims-theaterpreis.de.

Bild-Download (1200x800 Pixel): Nuran David Calis (c) Erzbistum Köln/Hirschbeck

Begründung der Jury

Seit vielen Jahren lotet der 1976 in Bielefeld geborene Autor und Regisseur Nuran David Calis die Brüche, Risse und Differenzen aus, die unsere Gesellschaft durchziehen. Mit seinen Arbeiten fragt er nach den gesellschaftlichen Flieh-, aber auch Bindekräften, die von sozial und kulturell aufgeladenen Gemengelagen hervorgebracht werden. In jüngerer Zeit rücken dabei das Phänomen und die Rolle der Religion in den Vordergrund.

In seiner Inszenierung „Die Lücke – Ein Stück Keupstraße“ (Schauspiel Köln, 2014), einer Auseinandersetzung mit den Folgen des NSU-Bombenanschlags in Köln-Mülheim, begegneten sich auf der Bühne drei Anwohner_innen der Keupstraße und drei Schauspieler_innen. Sichtbar wurde so eine höchst komplexe Vielzahl an unterschiedlichen Erzählungen, Vorurteilen und Perspektiven: einerseits auf das Versagen der Ermittlungsbehörden, andererseits aber auf die komplizierte Ko-Existenz von türkischen Migrant_innen und deutscher Mehrheitsgesellschaft, bei der Frage nach dem Islam und dessen Wahrnehmung beständig mitlief.

In seiner nachfolgenden Arbeit „Glaubenskämpfer“ (Schauspiel Köln, 2016) stellte Calis Gläubige verschiedener Religionen, darunter einen ehemaligen Salafisten, zusammen mit Ensemblemitgliedern des Schauspiel Köln auf die Bühne und ließ sie Gemeinsamkeiten und Differenzen ihrer Glaubensrichtungen verhandeln; im Video waren auch Hassprediger und rechte Aktivistinnen zu sehen. Vermessen wurden so in gleicher Weise Notwendigkeit und Gefahr von Religion, vermessen wurde aber auch die Dimension der Frage, wie man künftig miteinander sprechen, miteinander leben kann.

„Kuffar. Die Gottesleugner“ (Deutsches Theater Berlin, 2016) ist eine erste (und beunruhigende) Antwort auf diese Frage. Das Stück erzählt von einem jungen, in Deutschland geborenen Arzt, der sich religiös radikalisiert und missionarische Energie entwickelt. Er ist Kind zweier ehemaliger türkischer Linker, die nach dem Militärputsch 1980 fliehen mussten und nun, einst selbst politisch radikal, den Veränderungen ihres Sohnes hilflos gegenüberstehen. Calis verzichtet darauf, dessen Entwicklung zu kommentieren, sondern macht sie erfahrbar. Weitestmöglich von Apologetik entfernt und zugleich so unsentimental wie nur irgend geht, entwirft „Kuffar. Die Gottesleugner“ ein Bild von Unbedingtheit und Überzeugung, in dem der Dialog keinen Ort mehr hat.

Kurzbiographie von Nuran David Calis

Nuran David Calis (*1976 in Bielefeld) ist ein deutscher Theater- und Filmautor und -regisseur türkisch-armenisch-jüdischer Abstammung.

Der im Sozialwohnungsbezirk Bielefeld-Baumheide aufgewachsene Sohn eines armenischen Gießereiarbeiters und einer jüdischen Putzfrau, die aus der Türkei immigriert waren, besuchte das Gymnasium und jobbte ab 1992 als Türsteher.

Er studierte nach dem Abitur Regie an der Otto-Falckenberg-Schule in München und arbeitet als Autor, Theater- und Filmregisseur. Zunächst drehte er Kurzfilme und Videoclips für Hip-Hop-Bands. 2003 wurde sein erstes Theaterstück „Dog Eat Dog“ uraufgeführt, das im selben Jahr im Rahmen der Autorentheatertage am Thalia Theater Hamburg präsentiert wurde. Seine schriftstellerische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Für seine Inszenierung von Schillers „Die Räuber“ wurde er 2006 mit dem Wiener Theaterpreis „Nestroy“ in der Kategorie „Bester Nachwuchsregisseur“ ausgezeichnet. Seine viel beachtete Bearbeitung von Wedekinds „Frühlings Erwachen!“, die 2007 am Schauspiel Hannover uraufgeführt wurde, verfilmte er 2010 für das zdf. 2006 drehte er den Kinofilm „Meine Mutter, mein Bruder und ich“, für den er auch das Drehbuch schrieb. 2011 veröffentlichte er den Roman „Der Mond ist unsere Sonne“. Nuran David Calis arbeitet regelmäßig unter anderem an Theatern in München, Köln und Berlin. Besonders hervorzuheben sind dabei die Stücke „Die Lücke. Ein Stück Keupstraße“ und „Glaubenskämpfer“ am Schauspiel Köln sowie „Kuffar. Die Gottesleugner“ am Deutschen Theater Berlin.