"Der Glaube muss in der Kultur eine Rolle spielen, damit die Welt nicht zugrunde geht."

Ludwig Mülheims

1991 Tankred Dorst

01.05.91 12:00
Aus der Laudatio von Prof. Dr. Wolfgang Frühwald

Auszeichnung für das Drama "Korbes"

Joachim Kardinal Meisner (Mitte) verleiht den Ludwig Mülheims Theaterpreis an Tankred Dortst (rechts) und den Förderpreis an Klaus Rohleder (links) (c) unbekannt

Die Jury sieht "Korbes" als Lehrstück, das den Menschen schonungslos und drastisch in seiner Boshaftigkeit, Egozetrik, Rohheit, Rücksichtslosigkeit, Dumpfheit, Liebesunfähigkeit vorführt. Korbes kommt aus dem selbstverschuldetetn Teufelskreis des sich fortzeugenden Bösen nicht heraus. Nicht genug damit, er zieht auch seine Umgebung in den Strudel der Entmenschlichung, Erniedrigung und Vernichtung. So wie er seine Mitmenschen erniedrigt und malträtiert, so behanden sie am Schluss auch ihn.

Aus der Laudatio von Prof. Dr. Wolfgang Frühwald

Ein „Museum des Bösen“ hat sich Tanker Dorst einst ausgedacht; dessen Idee fasste er, als er sich mit „Merlin oder Das wüste Land“ von den „dramaturgischen Zwängen der realistischen Schreibweise“ befreite. Und diesem Museum könnte auch seine Geschichte des Herrn Korbes zugehören.

Einen frühen Prosaentwurf seines 1988 erstmals aufgeführten Dramas „Korbes“ hat Tankred Dorst mit „Finsternis“ überschrieben und sich als Gegenstimme zu der finsteren Geschichte des „bösen Mannes“ die Matthäus-Passion gedacht. Finster ist das Drama des fränkischen Kleinbürgers Korbes, weil für die blinde Titelfigur die Blindheit nur Bild der inneren Nacht ist. In diese Dunkelheit reicht kein Strahl eines tröstlichen Erkennens, und noch den wärmenden Sonnenstrahlen, die im letzten Bild des Dramas den Hof in gleißendes Licht tauchen, entreißt des Korbes Tochter den Vater, längst angesteckt von der elementaren Bosheit des Alten.

[...]

Am Ende dieser Passion steht nicht die erlösende oder gar die erklärende Geste, sondern die eine zum dramatischen Bild gewordene Frage: „Warum?“ Diese Frage, so soll Romano Guardini auf seinem Sterbelager gesagt haben, wolle er, wenn es ihm vergönnt sei, als erste stellen: Warum, Herr, diese Umwege zum Heil?“ Mit einer Poetik des Zeigens, des Suchens und des Fragens nähert sich die moderne Kunst dem Religiösen, von dem sie so lange getrennt war. Sie stellt – wie Tankred Dorst gesagt hat – die Frage nach der Gefangenschaft des Menschen: „Wie können wir leben? fragen alle Stücke meines Theaters: welche Macht treibt uns zu unseren Taten und zu unseren Verbrechen, zu unserem Wahnsinn – welche dunkle Phantasiebewegung treibt uns schließlich in Krieg und in das Ende von allem? Nichts ist sicher, und die Wahrheit, um die wir uns lebend und schreibend bemühen, bleibt unauffindbar.“

Tankred Dorst´s Korbes-Drama mit der eindrucksvoll und erschütternd lebensnah gestellten Frage nach der steinernen Qual des Menschseins soll hier nicht für eine christliche Dramatik in Anspruch genommen werden, obgleich Calderón zu den großen Vorbildern des Dramatikers Tankred Dorst gehört, doch ist in der bei Dorst geschehenden Überlagerung von religiöser Oratorienkunst mit dem Zeigetheater in der Art Ödön von Horváths die Kunst auch nicht mehr jenes „einzige Metaphysicum, als welches sie die Kunsttheorie der Moderne in der Nachfolge Nietzsches immer wieder gesehen und damit den schroffen Widerspruch der auf die „Gestalt der Gnade“ pochenden Religion herausgefordert hat.

Weil Tankred Dorst in der Korbes-Passion Kunst und Religion einander so genähert hat, dass beide wieder auf einander verweisen, ohne dabei das je eigene Gesetz, die Gestalt der Gnade und die Gestalt des Schönen, zu verleugnen, hat die Jury Tankred Dorst den Ludwig Mülheims-Preis für religiöse Dramatik zuerkannt.

Tankred Dorst

Tankred Dorst (* 19. Dezember 1925 in Oberlind, Thüringen; † 1. Juni 2017 in Berlin)