"Der Glaube muss in der Kultur eine Rolle spielen, damit die Welt nicht zugrunde geht."

Ludwig Mülheims

2019 Fritz Kater

08.10.19 10:00

Fritz Kater erhält Ludwig-Mülheims-Theaterpreis 2019

Uraufführung des Stücks von Fritz Kater

Köln. Der Ludwig-Mülheims-Theaterpreis 2019 geht an Fritz Kater. Mehr als 20 Stücke hat der Dramatiker seit Beginn seines Schaffens 1990 geschrieben. In „Love You, Dragonfly. Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens“, das 2016 am Theater Bonn uraufgeführt wurde, fragt der Autor nach sechs möglichen Auswegen aus der Leere unserer Existenz, wie die Ludwig-Mülheims-Theaterpreis-Jury zusammenfasst.

„Er fragt mit großer Ernsthaftigkeit, durch die – wie immer bei Fritz Kater – viel Witz und Klugheit schimmern,“ heißt es in der Begründung des Auswahlgremiums. Der Autor sei ein „beharrlicher Sinnsuchender, der immer wieder auf die großen Fragen des Lebens zusteuert“. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung, die eine Begegnung zwischen gegenwärtiger Theaterlandschaft, Autoren und Religion fördert, wird am Montag, 25. November in Köln verliehen.

Fritz Kater ist die Schreibexistenz und das Alter Ego von Armin Petras

Der Preisträger und Autor Fritz Kater ist die Schreibexistenz und das Alter Ego des Theatermachers Armin Petras. Jahr für Jahr schreibt Fritz Kater Theaterstücke, die mehrheitlich von Armin Petras zur Uraufführung gebracht werden. Der Regisseur selbst spricht über den Autor wie über eine andere Person.

Armin Petras wurde 1964 in Meschede im Sauerland geboren. 1969 siedelte er mit seinen Eltern in die DDR über, wo er von 1985 bis 1987 Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studierte. 1988 reiste Petras in die Bundesrepublik aus. Er war an Theatern in ganz Deutschland sowie im deutschsprachigen Ausland tätig. Zuletzt leitete Petras als Intendant das Maxim Gorki Theater in Berlin sowie anschließend das Schauspiel Stuttgart.

Fritz Katers Stück „WE ARE CAMERA/jasonmaterial“ wurde 2004 von der Zeitschrift „Theater heute“ zum Stück des Jahres gewählt. Die Auszeichnung hatte der Autor bereits 2003 für „zeit zu lieben zeit zu sterben“ erhalten, für das ihm auch der Mülheimer Dramatikerpreis verliehen wurde. Beide Texte wurden darüber hinaus zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für sein Gesamtwerk erhielt er 2008 den Else-Lasker-Schüler-Preis. „Fritz Katers Theaterfiguren sind Unbehauste“, betont die Ludwig-Mülheims-Theaterpreis-Jury. „Als Nachgeborene von etwas, das nur noch in der Erinnerung existiert, fliegen sie durch die leeren Räume zwischen Heimat und Moderne.“

Der Theaterpreis wird aus dem Nachlass des Schauspielers Ludwig Mülheims finanziert, den das Erzbistum Köln verwaltet. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz, dessen sinnlichen Sprachstil die Jury 2018 hervorhob, sowie Nuran David Calis, der für seine Trilogie über den NSU-Nagelbombenanschlag an der Kölner Keupstraße bekannt ist. 

Begründung der Jury

Fritz Katers Theaterfiguren sind Unbehauste. Als Nachgeborene von etwas, das nur noch in der Erinnerung existiert, fliegen sie durch die leeren Räume zwischen Heimat und Moderne. Die Weltentwürfe von einst sind vergilbt, Wurzeln, Herkunft oder Zugehörigkeit sind für Fritz Katers Figuren oft unerreichbar. Aber ihre Ort- und Ruhelosigkeit macht sie zu Suchenden in einer zersplitterten und aller Narrative beraubten Welt. Deshalb sind es diese oft kleinen Helden, die die großen Fragen des Lebens stellen. Dass diese Fragen nicht mehr zu beantworten sind, nimmt Fritz Kater zum Anlass, sie immer und immer wieder neu zu formulieren.

In seinem 2015 uraufgeführten Theaterstück Buch (5 ingredientes de la vida) entwirft der Autor in fünf Episoden eine Chronik der vergangenen 50 Jahre, immer entlang der Frage nach einem gelungenen Leben und nach dem nackten Sinn der Existenz. Auch in I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge), uraufgeführt 2016, gehen zwei Menschen suchend durch eine Welt, die an nichts mehr glaubt und die umso mehr verstrickt ist in existentielle Fragen. Fritz Katers Stück Love you, dragonfly (UA 2016) reiht schließlich sechs Erzählungen aneinander: sechs versuche zur sprache des glaubens, so heißt es im Untertitel. Ist es die „Liebe“, die „Familie“, der „Fortschritt“, so fragen die Kapitelüberschriften des Stücks, oder sind es „Gott“, „Freiheit“ oder „Leben“, an die es sich zu glauben lohnt? Ein Wissenschaftler verlässt seine große Liebe in Richtung Sibirien, um dem Sozialismus zu dienen. Ein Mann besucht seinen Adoptivsohn, der zum Mörder geworden ist. Ein dreizehnjähriges Mädchen flüchtet sich in die Arme eines Alkoholikers. Ein junger NVA-Soldat träumt sich im eingeschneiten Panzer gen Westen. Ein Student verwirklicht seinen amerikanischen Traum, während ein Kriegsdeserteur in der kirgisischen Steppe auf seine Verhaftung wartet. Ohne eine Antwort zu antizipieren fragt der Autor nach sechs möglichen Auswegen aus der Leere unserer Existenz. Er fragt mit großer Ernsthaftigkeit, durch die – wie immer bei Fritz Kater – viel Witz und Klugheit schimmern.

Mit Fritz Kater würdigt die Jury einen der produktivsten Geschichtenerzähler der vergangenen Jahrzehnte und einen beharrlichen Sinnsucher, der immer wieder auf die großen Fragen des Lebens zusteuert.

Fritz Kater erhält den diesjährigen Ludwig-Mülheims-Theaterpreis.

Kurzbiographie Fritz Kater

Fritz Kater schreibt seit 1990. Über 20 Stücke sind seither entstanden, die Texte seines Alter Egos Armin Petras nicht mit eingerechnet. Nach einigen frühen Texten, die im Kleist-Theater Frankfurt/Oder und im Theater Nordhausen zur Uraufführung kommen, wird Fritz Kater im Jahr 2003 für sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und in der Jahresumfrage der Zeitschrift Theater heute zum Dramatiker des Jahres gewählt. Diese Auszeichnung erhält der Autor erneut 2004 für WE ARE CAMERA/jasonmaterial. Beide Texte werden, in der Inszenierung von Armin Petras, zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Weitere Stücke von Fritz Kater sind u.a.: Sterne über Mansfeld (UA 2004), 3 von 5 Millionen (UA 2005), Abalon, one nite in Bangkok (UA 2006), Tanzen! (UA 2006), HEAVEN (zu tristan) (UA 2007), we are blood (UA 2010), demenz depression revolution (UA 2013) und 5 morgen (UA 2013). 2008 erhält Fritz Kater den Else-Lasker-Schüler-Preis für sein Gesamtwerk. In seinen jüngeren Stücken Buch (5 ingredientes de la vida) (UA 2015), I´m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) (UA 2016) und Love you, dragonfly. 6 versuche zur sprache des glaubens (UA 2016) verbindet Kater Einzelepisoden zu einer Chronik des vergangenen Jahrhunderts. Das Stück heiner 1-4. engel fliegend, abgelauscht erzählt von den letzten Lebensjahren Heiner Müllers. Es wird als bisher neustes Kater-Stück im Jahr 2019 uraufgeführt.

Die Mehrzahl der Stücke von Fritz Kater werden von Armin Petras zur Uraufführung gebracht. Armin Petras wird 1964 in Meschede/Sauerland geboren. 1969 siedelt er mit seinen Eltern in die DDR über. Von 1985 bis 1987 studiert er Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Er ist Mitbegründer der freien Theatergruppe Medea Ost und inszeniert 1987 Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee 1–3 am Theater Nordhausen. 1988 reist Armin Petras in die BRD aus. Er arbeitet als Regieassistent am Frankfurter Theater am Turm (TAT) und an den Münchner Kammerspielen. Nach der Wende inszeniert er in Frankfurt/Oder, Chemnitz, Magdeburg, Mannheim, Rostock, Berlin, Hannover, München, Hamburg und an vielen anderen Theatern im deutschsprachigen Raum. Armin Petras ist von 1996 bis 1999 Oberspielleiter am Theater Nordhausen sowie Hausregisseur in Leipzig und von 1999 bis 2002 Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel. 2002 wechselt er als fester Regisseur ans Schauspiel Frankfurt, wo er von 2003 bis 2006 die Spielstätte in der Schmidtstraße leitet. Von 2006 bis 2013 ist er Intendant am Maxim Gorki Theater Berlin, von 2013 bis 2018 leitet er in gleicher Funktion das Schauspiel Stuttgart. Seither inszeniert er u.a. in Bremen, am Deutschen Theater Berlin, in Düsseldorf, Leipzig, Sibiu, Budapest und Prag. Seit 2013 ist er Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.