"Der Glaube muss in der Kultur eine Rolle spielen, damit die Welt nicht zugrunde geht."

Ludwig Mülheims

2019 Fritz Kater

26.11.19 10:00

Figuren voll Witz und Trauer – Fritz Kater mit Ludwig-Mülheims-Theaterpreis ausgezeichnet

Theatermacher Armin Petras. Der ausgezeichnete Dramaturg Fritz Kater ist sein Alter Ego. (c) Erzbistum Köln/Hirschbeck

Köln. Fritz Kater ist mit dem Ludwig-Mülheims-Theaterpreis 2019 ausgezeichnet worden. Der Dramatiker ist die Schreibexistenz und das Alter Ego des Theatermachers Armin Petras, der den Preis am Montagabend in Köln entgegennahm. Das „Nebeneinander von Diskurs und Unterhaltung“ verbinde Theater und Kirche, erklärte Petras während der Verleihung in Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung fördert die Begegnung zwischen gegenwärtiger Theaterlandschaft, Autoren und Religion.

Dramaturg Bernd Isele vom Deutschen Theater Berlin hob in seiner Laudatio die Qualität von Fritz Katers Figuren hervor, die „voll Witz und voller Trauer“ seien: „Es sind Mikrokosmen, die ihren Ort und ihr Milieu haben, und die gleichzeitig weit darüber hinaus weisen.“ Zuvor hatte der Kuratoriumsvorsitzende Prälat Josef Sauerborn die Bedeutung des Preises herausgestellt. Theater und Religion gehörten zum Menschen und seien immer tief verwandt gewesen, sagte er in seiner Begrüßungsrede und erklärte weiter: „Die Jury erkennt in den Arbeiten von Fritz Kater einen solchen Ort der Begegnung des Theaters mit der Religion.“

Mehr als 20 Stücke hat Fritz Kater seit Beginn seines Schaffens 1990 geschrieben. Mehrheitlich wurden sie von Armin Petras zur Uraufführung gebracht. Der Regisseur selbst spricht über den Autor wie über eine andere Person. Den Ludwig-Mülheims-Theaterpreis nahm er vor Theatermachern aus Köln, Bonn, Düsseldorf, Berlin, Bremen und Cottbus entgegen.

> Laudatio auf Fritz Kater (PDF)

Begründung der Jury

Fritz Katers Theaterfiguren sind Unbehauste. Als Nachgeborene von etwas, das nur noch in der Erinnerung existiert, fliegen sie durch die leeren Räume zwischen Heimat und Moderne. Die Weltentwürfe von einst sind vergilbt, Wurzeln, Herkunft oder Zugehörigkeit sind für Fritz Katers Figuren oft unerreichbar. Aber ihre Ort- und Ruhelosigkeit macht sie zu Suchenden in einer zersplitterten und aller Narrative beraubten Welt. Deshalb sind es diese oft kleinen Helden, die die großen Fragen des Lebens stellen. Dass diese Fragen nicht mehr zu beantworten sind, nimmt Fritz Kater zum Anlass, sie immer und immer wieder neu zu formulieren.

In seinem 2015 uraufgeführten Theaterstück Buch (5 ingredientes de la vida) entwirft der Autor in fünf Episoden eine Chronik der vergangenen 50 Jahre, immer entlang der Frage nach einem gelungenen Leben und nach dem nackten Sinn der Existenz. Auch in I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge), uraufgeführt 2016, gehen zwei Menschen suchend durch eine Welt, die an nichts mehr glaubt und die umso mehr verstrickt ist in existentielle Fragen. Fritz Katers Stück Love you, dragonfly (UA 2016) reiht schließlich sechs Erzählungen aneinander: sechs versuche zur sprache des glaubens, so heißt es im Untertitel. Ist es die „Liebe“, die „Familie“, der „Fortschritt“, so fragen die Kapitelüberschriften des Stücks, oder sind es „Gott“, „Freiheit“ oder „Leben“, an die es sich zu glauben lohnt? Ein Wissenschaftler verlässt seine große Liebe in Richtung Sibirien, um dem Sozialismus zu dienen. Ein Mann besucht seinen Adoptivsohn, der zum Mörder geworden ist. Ein dreizehnjähriges Mädchen flüchtet sich in die Arme eines Alkoholikers. Ein junger NVA-Soldat träumt sich im eingeschneiten Panzer gen Westen. Ein Student verwirklicht seinen amerikanischen Traum, während ein Kriegsdeserteur in der kirgisischen Steppe auf seine Verhaftung wartet. Ohne eine Antwort zu antizipieren fragt der Autor nach sechs möglichen Auswegen aus der Leere unserer Existenz. Er fragt mit großer Ernsthaftigkeit, durch die – wie immer bei Fritz Kater – viel Witz und Klugheit schimmern.

Mit Fritz Kater würdigt die Jury einen der produktivsten Geschichtenerzähler der vergangenen Jahrzehnte und einen beharrlichen Sinnsucher, der immer wieder auf die großen Fragen des Lebens zusteuert.

Fritz Kater erhält den diesjährigen Ludwig-Mülheims-Theaterpreis.

Kurzbiographie Fritz Kater

Fritz Kater schreibt seit 1990. Über 20 Stücke sind seither entstanden, die Texte seines Alter Egos Armin Petras nicht mit eingerechnet. Nach einigen frühen Texten, die im Kleist-Theater Frankfurt/Oder und im Theater Nordhausen zur Uraufführung kommen, wird Fritz Kater im Jahr 2003 für sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und in der Jahresumfrage der Zeitschrift Theater heute zum Dramatiker des Jahres gewählt. Diese Auszeichnung erhält der Autor erneut 2004 für WE ARE CAMERA/jasonmaterial. Beide Texte werden, in der Inszenierung von Armin Petras, zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Weitere Stücke von Fritz Kater sind u.a.: Sterne über Mansfeld (UA 2004), 3 von 5 Millionen (UA 2005), Abalon, one nite in Bangkok (UA 2006), Tanzen! (UA 2006), HEAVEN (zu tristan) (UA 2007), we are blood (UA 2010), demenz depression revolution (UA 2013) und 5 morgen (UA 2013). 2008 erhält Fritz Kater den Else-Lasker-Schüler-Preis für sein Gesamtwerk. In seinen jüngeren Stücken Buch (5 ingredientes de la vida) (UA 2015), I´m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) (UA 2016) und Love you, dragonfly. 6 versuche zur sprache des glaubens (UA 2016) verbindet Kater Einzelepisoden zu einer Chronik des vergangenen Jahrhunderts. Das Stück heiner 1-4. engel fliegend, abgelauscht erzählt von den letzten Lebensjahren Heiner Müllers. Es wird als bisher neustes Kater-Stück im Jahr 2019 uraufgeführt.

Die Mehrzahl der Stücke von Fritz Kater werden von Armin Petras zur Uraufführung gebracht. Armin Petras wird 1964 in Meschede/Sauerland geboren. 1969 siedelt er mit seinen Eltern in die DDR über. Von 1985 bis 1987 studiert er Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Er ist Mitbegründer der freien Theatergruppe Medea Ost und inszeniert 1987 Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee 1–3 am Theater Nordhausen. 1988 reist Armin Petras in die BRD aus. Er arbeitet als Regieassistent am Frankfurter Theater am Turm (TAT) und an den Münchner Kammerspielen. Nach der Wende inszeniert er in Frankfurt/Oder, Chemnitz, Magdeburg, Mannheim, Rostock, Berlin, Hannover, München, Hamburg und an vielen anderen Theatern im deutschsprachigen Raum. Armin Petras ist von 1996 bis 1999 Oberspielleiter am Theater Nordhausen sowie Hausregisseur in Leipzig und von 1999 bis 2002 Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel. 2002 wechselt er als fester Regisseur ans Schauspiel Frankfurt, wo er von 2003 bis 2006 die Spielstätte in der Schmidtstraße leitet. Von 2006 bis 2013 ist er Intendant am Maxim Gorki Theater Berlin, von 2013 bis 2018 leitet er in gleicher Funktion das Schauspiel Stuttgart. Seither inszeniert er u.a. in Bremen, am Deutschen Theater Berlin, in Düsseldorf, Leipzig, Sibiu, Budapest und Prag. Seit 2013 ist er Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.